EZ: Sie sagen, daß jeder Ebene des Bewußtseinsspektrums ein bestimmtes Weltbild innewohnt. Könnten Sie kurz erklären, was Sie damit meinen?
KW: Der Grundgedanke ist dieser: Wie würde die Welt aussehen, wenn Sie nur die kognitiven Strukturen einer Ebene hätten? Die Weltbilder der neun Ebenen tragen die Bezeichnungen archaisch, magisch, mythisch, mythisch-rational, rational, existentiell, psychisch, subtil und kausal. Ich gehe sie kurz durch.
Wenn Sie nur die Strukturen der ersten Ebene haben, sieht die Welt ziemlich undifferenziert aus, eine Welt der participation mystique, globale Verschmolzenheit, Adualismus. Archaisch nenne ich diese Ebene einfach wegen ihrer primitiven Natur.
Wenn die zweite Ebene Konturen gewinnt und Bilder und frühe Symbole sich entwickeln, differenziert das Ich sich von der Welt, ist jedoch - in einem Quasi-Verschmelzungszustand - immer noch sehr eng an sie gebunden und meint daher, es könne sie durch bloßes Denken oder Wünschen auf magische Weise beeinflussen. Ein gutes Beispiel dafür ist Voodoo. Ich mache ein Bild von Ihnen, steche einen Dorn hinein und denke, daß Sie dadurch verletzt werden. Der Gegenstand und sein Abbild sind nicht klar differenziert. Das ist das magische Weltbild.
Auf der dritten Ebene sind Ich und Nicht-Ich voll differenziert, der magische Glaube stirbt ab und an seine Stelle tritt mythischer Glaube. Ich selbst kann die Welt nicht mehr herumkommandieren, aber Gott kann es, wenn man weiß, wie man ihn rumkriegt. Wenn ich meine persönlichen Wünsche erfüllt haben möchte, muß ich bestimmte Gesuche und Gebete an Gott richten, und dann wird Gott die Sache für mich erledigen und die Naturgesetze durch Wunder außer Kraft setzen. Das ist das mythische Weltbild.
Ebene vier bringt die Fähigkeit zu konkreten Operationen und Ritualen mit sich. Wenn ich merke, daß meinen Gebeten nicht immer entsprochen wird, versuche ich, die Natur so zu manipulieren, daß die Götter zufrieden sind und sich dann für mich ins Mittel legen. Zu den Gebeten lasse ich kunstvoll aufgebaute Rituale ablaufen, die ganz und gar darauf abgestellt sind, Gott zur Intervention zu bewegen. Historisch gesehen ist das Hauptritual dieser Entwicklungsstufe das Menschenopfer. Wir finden es, wie auch Campbell aufzeigte, bei jeder größeren Zivilisation auf der ganzen Welt. So grausig dieses Ritual ist, das Denken dahinter ist komplexer und komplizierter als das rein mythische Denken; daher die Bezeichnung mythisch-rational.
Wenn sich auf der fünften Ebene das formal-operationale Denken herausbildet, kommt mir der Verdacht, daß der Glaube an einen persönlichen Gott, der sich meiner Ego-Wünsche annimmt, wohl doch nicht so ganz gerechtfertigt ist; nichts spricht auf überzeugende Weise dafür, und jedenfalls kann man sich nicht darauf verlassen. Wenn ich etwas haben möchte, etwas zu essen beispielsweise, schenke ich mir Gebete, Rituale und Menschenopfer und sehe zu, wie ich mir die Sache direkt verschaffen kann. Und dabei gehe ich hypothetisch-deduktiv vor, also wissenschaftlich. Das ist ein großer Fortschritt, aber er hat auch seine Schattenseiten. Die Welt sieht immer mehr aus wie ein ödes Sammelsurium von Materialien, die keinerlei höheren Wert, keinen Sinn besitzen. Das ist das rationale Weltbild, häufig auch wissenschaftlicher Materialismus genannt.
Auf der sechsten Ebene, mit dem Einsetzen der Schau-Logik, wird mir klar, daß zwischen Himmel und Erde mehr Dinge sind, als ich mir in meiner rationalistischen Philosophie hätte träumen lassen. Durch Integration des Körpers wird die Welt «wiederverzaubert», wie Berman sagt. Das ist das humanistisch-existentielle Weltbild.
Auf der siebten, der psychischen Ebene, sehe ich immer deutlicher, daß wirklich viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde sind, als ich mir hätte träumen lassen. Ich ahne erstmals die eine Göttlichkeit hinter den Erscheinungsformen des Manifestierten, und ich kommuniziere mit diesem Göttlichen - aber das ist jetzt nicht mehr mythischer Glaube, sondern innere Erfahrung. Das ist das psychische Weltbild.
Auf der subtilen Ebene erkenne ich dieses Göttliche unmittelbar und finde zur Vereinigung mit ihm. Hier bleibe ich jedoch noch dabei, daß die Seele und Gott zwei verschiedene ontologische Entitäten sind. Das ist das subtile Weltbild - es gibt eine Seele und einen transpersonalen Gott, aber zwischen ihnen noch einen feinen Unterschied.
Auf der kausalen Ebene löst sich dieser feine Unterschied auf, und damit ist die höchste Identität realisiert. Das ist das kausale Weltbild, das Weltbild des tat tvam asi, «du bist Das». Reiner, nichtdualer Geist, nicht im Widerspruch zu irgend etwas und daher überhaupt nichts Besonderes.
EZ: Jetzt verstehe ich, weshalb Sie in Ihren Büchern immer sagen, daß die in der Neuzeit aufgekommene Rationalität, obwohl sie stets wacker über die Religion hergezogen ist, eigentlich doch eine sehr spirituelle Entwicklung darstellt.
KW: Ja, in dieser Hinsicht stehe ich unter den Religionssoziologen offenbar ziemlich allein da. Diesen Wissenschaftlern, glaube ich, fehlt eine detaillierte Landkarte des gesamten Bewußtseinsspektrunis. Kein Zweifel, Rationalität und Naturwissenschaft - Ebene fünf - haben das archaische, das magische und das mythische Weltbild transzendiert und demontiert und viele Wissenschaftler beklagen das, weil sie denken, damit seien Spiritualität und Religion überhaupt beseitigt worden. Sie haben offenbar kein rechtes Verständnis für mystische Religiosität, und deshalb sehnen sie sich zurück nach der guten alten mythischen Zeit vor der Wissenschaft, nach der guten alten prärationalen Zeit, wo es noch «echte» Religion gab. Aber Mystik ist transrational und liegt deshalb in unserer kollektiven Zukunft, nicht in unserer kollektiven Vergangenheit. Wissenschaft und Rationalität schlagen uns meiner Meinung nach nur unsere unreifen prärationalen Anschauungen aus der Hand und schaffen damit Raum für die genuin transrationalen Einsichten der höheren Entwicklungsstufen, die transpersonalen Stufen echter mystischer und kontemplativer Entwicklung. Sie nehmen uns das Magische und Mythische weg, damit das Psychische und Subtile sich entfalten kann. In diesem Sinne sind Wissenschaft und Rationalität ein sehr gesunder, sehr evolutionärer, sehr notwendiger Schritt auf dem Weg zur spirituellen Reife. Rationalität ist das Hinstreben des Geistes zum Geist.
Und hierin liegt auch der Grund dafür, daß so viele große Wissenschaftler auch große Mystiker waren. Das gehört ganz natürlich zusammen: Die Wissenschaft der äußeren Welt vereinigt mit der Wissenschaft der inneren Welt, die wahre Begegnung von Ost und West.
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